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Putin und MBTI

Nachdem Russlands Präsident ja jetzt den Angriffskrieg gegen die Ukraine vom Zaun gebrochen hat bietet es sich an einmal zu beleuchten was einem die Persönlichkeitspsychologie zu Wladimir Putin sagen kann. Zumal dieser ja auch höchstwahrscheinlich ein INTJ ist.

Grundsätzlich zeichnen sich INTJ ja dadurch aus, dass sie strategisch und langfristig denken und sich auf alle möglichen Eventualitäten vorbereiten. Im Wesentlichen trifft das auf Putin ja zu, man braucht sich einmal nur anzusehen wie er es geschafft hat über 20 Jahre an der Macht zu bleiben und den Westen nach seiner Pfeife tanzen zu lassen. Die Bilder vom 7-Meter-Tisch sprechen für sich, die westlichen Gäste im Kreml kamen ja quasi nur als Bittsteller was er ja auch noch sichtlich genossen hat.

Er hat mit minimalem Aufwand den maximalen Prestigegewinn beim Einsatz in Syrien herausgeholt und auch die Annexion der Krim war ein politisches Meisterstück - gerade so aggressiv, dass die Sanktionen noch gut verschmerzbar waren und dabei aber maximales innenpolitisches Ansehen als "Vater aller Russen" erzeugt hat - das garantiert ihm ja seine Machtbasis. Wie sonst bleibt man unangefochtener, immer noch von einem guten Teil des Volks geachteter Führer eines Landes was in der Fläche wirtschaftlich völlig kaputt ist? Wenn man in der Provinz krank wird hat man Glück wenn im Kreiskrankenhaus a) überhaupt noch ein Arzt ist und der b) noch ein Röntgengerät aus Sowjetzeiten hat. Das lief bisher über das geniale System, die Erfolge auf sich zu personifizieren und die Missstände auf seine Untergebenen abzuschieben.

Gerade deshalb hat mich ja sein Angriff auf die ganze Ukraine so überrascht. Ich hätte zuerst gedacht er würde nach der Anerkennung des Donbass diesen besetzen, und damit wäre er wohl auch international noch durchgekommen. Ähnlich wie bei der Krim hätte sich der Westen über die Zementierung von schon bereits bestehenden Fakten wohl nicht dazu durchgerungen es sich mit ihm komplett zu verscherzen. Schließlich übt Kiew de facto ja sowieso keine Kontrolle mehr über den Donbass aus.

Aber nun ein offensichtlicher Angriffskrieg, der genau das Gegenteil von dem bewirkt was geplant war. Eigentlich müsste man ihm jetzt den Karlspreis verleihen denn er hat mit einem Schlag die jahrzehntelang gärenden Diffusionsbestrebungen in der EU repariert und den Zusammenhalt in der NATO gestärkt. Der Krieg selbst läuft wohl auch alles andere als geplant und zieht sich viel länger hin und ist auch viel verlustreicher und es sieht auch nicht danach aus als hätte er einen Plan B für den Fall und eine Idee wie er aus der Nummer wieder herauskommt. So eine Aktion klingt eher nach einem impulsiven Donald Trump als denn nach einem logisch kalkulierenden Putin. Wie also kann das sein?

Zum einem muss man dazu wissen, dass jede Persönlichkeit ja auch ihre Dunkle Seite hat, beziehungsweise was passiert wenn im Car-Modell die dritte und vierte Denkfunktion - die Kinder auf den Rückbänken - das Steuer übernehmen. Bei INTJ sind das Introverted Feeling und Extroverted Sensing. Und da kann man schon ahnen wie sich das auswirkt: man ist gekränkt oder wütend, auf jeden Fall hoch emotional und dann schlägt man auch noch um sich. Ausgelöst wird eine solche Situation meistens dann wenn man unter extremem Stress steht und dann die sorgfältig ausgedachten Pläne zerbröseln. Wenn es dann noch den berühmten extra-Kick gibt, dann kann man in eine Situation kommen wo man eben nicht mehr an die möglichen Alternativen denkt und nicht mehr logisch-rational überlegt was man aus der Situation noch machen kann. Eben auf "Tilt" geht. Normalerweise dauern solche Phasen aber nicht lange an, in so einer Verfassung war ich ja auch schon oft genug. Wenn man von seiner Umgebung dabei unterstützt wird und diese einem dabei hilft kommt man da auch wieder raus, zieht die rational-logische Brille wieder an und überlegt wie man am besten aus der Scheiße wieder herauskommt - es ist ja alles nur ein Problem und wir lieben es ja Probleme zu lösen.

Im Fall Putin kommt aber noch etwas anderes ins Spiel, was ich eben kurz erwähnt habe: Die Umgebung. Selbst wenn INTJ so ungemein selbstständig und unabhängig sind, die Umgebung spielt dann doch noch eine Rolle. Ich denke dass ich in der Hinsicht "gesund" bin, denn ich habe notorische Selbstzweifel und lege bei Problemen viel Wert darauf, die Meinung anderer einzuholen, selbst wenn ich die Entscheidung nachher alleine treffen muss. Es besteht immer die Möglichkeit dass man etwas übersehen hat oder das Problem einfach aus dem falschen Blickwinkel betrachtet.

Diese Selbstzweifel werden noch dadurch verstärkt dass es bei mir eigentlich völlig normal ist das gar nichts so klappt wie ich mir das vorstelle, ich in der Regel von anderen Menschen beschissen werde und ich meistens mehr oder weniger machtlos bin. Siehe dazu die vorherigen Artikel hier im Blog. Kurz: wenn ich etwas will rechne ich schon damit dass es eben nicht klappt und ich kämpfen und hart dafür arbeiten muss um die Situation noch irgendwie zu retten.

Aber wie sieht die Situation bei Putin aus? Eben völlig anders - der Mann ist quasi-Imperator Russlands, umgeben von Stiefelleckern. Er ist in Sowjetzeiten groß geworden und damals war das System ja auch schon so - jeder hat die Stiefel seines Vorgesetzten geleckt und sich die Wirklichkeit dazu passend gemacht. Und er hat es so eingerichtet das im wahrsten Sinne des Wortes sein Wort Gesetz ist. Man braucht sich ja nur die Sitzung des Sicherheitsrates vor der Anerkennung der Donbass-Republiken anzusehen wie alle vor ihm schlottern.

Aber was passiert, wenn man langfristig so einer Umgebung ausgesetzt ist? Natürlich bleibt das nicht ohne Folgen wenn man über zwanzig Jahre lang gesagt bekommt dass man der größte, stärkste und beste ist. Wenn so jemand wie ein amerikanischer Präsident dann mal die Wahrheit sagt und feststellt dass Russland eigentlich nur noch eine (atomar bewaffnete) Regionalmacht ist, dann fällt es leicht das einfach als Geschwätz zu ignorieren. Ansonsten hat sich ja insbesondere Europa ja auch noch in die Schar der Stiefellecker eingereiht und ihn hofiert und alles dafür getan ihn nicht zu provozieren. Wie viele Stimmen gab es in Deutschland die Verständnis für Putin und seine "Sicherheitsbedenken" hatten? Zuerst beim Raketenabwehrschirm (lange ists her), bei der NATO-Osterweiterung und auch in Syrien. Es hat sich wirklich niemand gefunden ihm die Wahrheit an den Kopf zu knallen, dass er sein Land eben abgewirtschaftet hat und die eigene Bevölkerung immer mehr hinters Licht führen muss um an der Macht zu bleiben.

Wenn es aber keine Umgebung gibt die dem INTJ hilft auf dem Boden zu bleiben, dann führt der Weg immer mehr in die Isolation und in ein persönliches Märchenland. Und genau da ist Putin - er hat sich selbst im Kreml immer mehr selbst isoliert und hat wohl wirklich geglaubt, dass die Menschen seine Panzer bei der Befreiung von den bösen Nazis freudig begrüßen und dass man ihm im Fall Kiew den Selenski gefesselt, geteert und gefedert übergibt weil man froh ist ihn los zu sein um dafür vom großen, starken Putin regiert zu werden. Und weil das gerade so nicht läuft, dann kommt wohl auch noch der emotionale Tilt-Faktor hinzu. Vielleicht auch noch verstärkt davon dass er krank ist und seine Uhr ablaufen sieht und noch als der Wiedererrichter des Sowjetreiches in die Geschichte eingehen will, denn das scheint ja seine persönliche Vision zu sein.

Stattdessen läuft jetzt alles andere nach Plan und er ist ziemlich sicher auf Tilt. Jetzt wird alles emotional wahrgenommen, aber anders als ein Fi-dominanter Typ können INTJ damit aber nicht richtig umgehen. Jetzt ist alles Aggression was die Gegenseite macht ohne zu sehen dass es nur die Reaktion auf die eigenen Handlungen ist.

Und es gibt keinen Ausweg, denn ich wüsste von niemandem dessen Worte und Kritik er Glauben schenken würde um auf den Boden der Tatsachen zurückzukommen. Man sieht das ja an seinen Forderungen: eine "Entmilitarisierung" der Ukraine wäre ja gleichbedeutend mit deren Kapitulation, das Land würde sich ihm völlig ausliefern ohne die Möglichkeit sich zu verteidigen. Das ist aber völlig unrealistisch, damit braucht man gar nicht erst in Verhandlungen zu gehen. So traurig wie es ist: Das ist der beste Beweis dafür, dass Macht eben immer auch korrumpiert. Es stellt sich nur die Frage ob es realistischer ist dass er dazu gezwungen wird den Krieg zu beenden oder ob es einfacher ist ihn gleich ganz zu stürzen. Beides scheint im Moment in weiter Ferne zu sein.

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