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Geschichtsrückblick Energie

Vor ein paar Tagen habe ich von meinem Stromversorger eine Mitteilung bekommen, dass mein Gewerbestrom von 24 auf 48 Cent pro kWh teurer wird. Und das ist noch günstig - auf Check24 gibt es bei 40.000 kWh im Jahr nichts unter 54 Cent und die Grundversorgung bei e-on liegt sogar bei 65. Dabei hatten wir schon vorher die höchsten Strompreise in Europa.

Hochspannungsmasten
Foto von Tayssir Kadamany auf pexels.com

Zum einen liegt das an dem Punkt der Demokratie/Kapitalismus-Kombi der ich absolut nichts abgewinnen kann: Spekulation. Noch liefert Putin ja das Gas und die Preise sind ja langfristig festgelegt. Es gibt aktuell auch keine Stromknappheit. Aber die Erwartung davon führt dazu, dass die Spekulanten auf steigende Preise setzen und kaufen, was wiederum den Preis steigen lässt ... die Kohle wandert dann in die Taschen der Kapitalisten während die Erzeugung immer noch ungefähr dasselbe kostet.

Und bekanntermaßen ist der Strom aus den deutschen Atomkraftwerken die derzeit abgeschaltet werden ja recht günstig - ab Kraftwerk war der Strom an den Strombörsen früher für maximal 4 Cent die kWh zu bekommen, folglich muss er in den AKWs auch für den Tarif zu erzeugen sein, sonst wären die nicht in Betrieb genommen worden oder geblieben.

Weil die Abschaltung ja den Endsieg der Anti-Atomkraftbewegung darstellt und ein wesentlicher Preistreiber ist habe ich mir mal den Spaß gemacht und mal die Geburt der Bewegung angesehen, leuchtturmmäßig an zwei Projekten: Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf und Schneller Brüter Kalkar. Aus heutiger Sicht besonders interessant ist eines der Argumente für diese Anlagen: "bei der Stromerzeugung vom Ausland unabhängig werden". Man schreibt die 80er Jahre, damals gab es noch echten Steinkohlebergbau im Ruhrgebiet und Öl wurde ja nie nennenswert verstromt. Mit der Wiederaufarbeitung wollte man sich von den Uranimporten unabhängiger machen, die Uranvorkommen im Erzgebirge lagen ja in der DDR. Und wie wichtig eine Unabhängigkeit von Energieimporten ist sehen wir ja heute.

Man kann sich sicherlich über die Anlage in Wackersdorf streiten, ob es so super ist gewisse Mengen an Radioaktivität in die Donau einzuleiten anstelle die Anlage wie sonst üblich direkt am Meer zu bauen. Die Wiederaufarbeitung an sich ist aber unstreitig sinnvoll, da bei mit Uran betriebenen Reaktoren ja nur der kleine Anteil an U-235 gespalten wird und durch die Nebenreaktionen aus dem U-238 ja Plutonium entsteht was in der WAA abgetrennt und zu neuen Brennstäben verarbeitet wird. Auch ist es mitnichten so, dass in "abgebrannten" Brennstäben alles U-235 gespalten wurde - vielmehr verschlechtern die entstandenen Spaltprodukte die Kernphysik. Der schnelle Brüter sollte das ja noch forcieren indem die Erbrütung von Plutonium kein unvermeidbares Nebenprodukt sondern eine Hauptaufgabe des Reaktors ist. Der Reaktor war auch schon einsatzbereit und wurde verschrottet ohne jemals in Betrieb genommen zu werden.

Natürlich fällt Know-How nicht vom Himmel und für jeden Fortschritt gibt es auch Versuche die nicht funktionieren. Damals war Deutschland in der Nuklearforschung vorne mit dabei, auch wenn manches wie der Thorium-Kugelhaufenreaktor nicht funktioniert hat. Und klar, wenn man neue Reaktorkonzepte entwickelt dann sollte man sich auch von Anfang an Gedanken darüber machen wie man die Dinger wieder entsorgen will. Bei Druckwasserreaktoren funktioniert das gut, man baut die Brennstäbe aus, sandstrahlt den Druckbehälter und damit ist er sauber und kann verschrottet werden weil der Stahl selbst nicht radioaktiv wird. Selbst den geschmolzenen Reaktorkern aus Three Mile Island konnte man unter Wasser zerlegen (schirmt die Strahlung ab) und in eine überschaubare Anzahl Castoren packen. Das wird man irgendwann auch in Fukushima machen. Der THTR und sein Vorgänger der AVR in Jülich - das sieht hingegen richtig übel aus weil das Ding immer noch extrem strahlt nachdem die Kugeln raus sind, manche haben sich auch in irgendwelchen Spalten verklemmt, dann hat man es noch mit radioaktivem Graphitstaub zu tun ... das ist nun wirklich eine Sauerei.

Der Unfall in Tschernobyl 1986 hat der Anti-AKW-Bewegung den Antrieb gegeben durch massiven Protest den Anfang vom Ende der Kernkraft in Deutschland einzuleiten. Das ist gerade mal wieder ein typisches Beispiel für die Schattenseite der menschlichen Natur, sich viel mehr von Ängsten und von Mund zu Mund weitergegebenen Halbwahrheiten beeinflussen zu lassen als von harten Fakten. Dass die Zustände in der Sowjetunion überhaupt nicht mit denen in Deutschland zu vergleichen waren und ein solcher Unfall in Deutschland ausgeschlossen war spielte keine Rolle. Schon 13 Jahre später kam Rot-Grün an die Macht mit dem Wahlversprechen des Atomausstiegs.

Angela Merkel machte diesen zwar nach ihrem Amtsantritt 2009 teilweise wieder rückgängig, die Kernenergieforschung war aber dahin. Stattdessen gab es die dreifache Kernschmelze in Fukushima (wer genehmigt in einem Land was häufiger Tsunamis hat eine nicht Tsunami-gesicherte Notstromversorgung?) und Merkel legte wiederum aus rein populistischen Motiven eine 180° Kehrtwende hin und beschloss den Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg. Im Gegenzug wurden Milliarden in die Energiewende gepumpt - und die basiert ja auf russischem Gas als Ausfallsicherung und kann niemals Kohle, Gas und Öl gleichzeitig ersetzen. Zur Erinnerung: 2009 hatte Putin bereits in verschiedenen Tschetschenien-Kriegen Grosny in Schutt und Asche gebombt, Wiktor Juschtschenko vergiftet (wahrscheinlich) und auf der Münchener Sicherheitskonferenz 2007 auf Konfrontation mit dem Westen gegangen und mal eben eine Invasion in Georgien durchgeführt. Man wusste also genau worauf man sich einließ und hat es trotzdem gemacht. Und ja, natürlich war der Kohlebergbau im Ruhrgebiet inzwischen auch eingestellt worden weil man die ja auch günstig aus Russland beziehen konnte.

Das ist die zweite Grundkrankheit des Kapitalismus: Billig schlägt fast immer Besser. Das wurde parallel ja auch in der Industrie durchgezogen: Vorratshaltung bei Zulieferteilen? Braucht man nicht, kostet nur Geld. Bis sich dann mal ein Containerschiff im Suezkanal verkeilt und auf einmal die ganze Produktion kollabiert. Genauso hat die Industrie früher mal auf Vorrat produziert und damit Auslieferungslager bestückt, die wurden aber auch alle wegrationalisiert. Stattdessen haben wir jetzt bei Hausgeräten Lieferzeiten von einem halben Jahr.

Ach ja, und selbst als Putin 2014 die Krim annektiert hat führte das nicht zu einem sofortigen Kurswechsel - man hat fröhlich weitergemacht und alles getan um ihn nicht zu provozieren, man hatte ja schon so viel in grüne Energie gesteckt und damit genau das gemacht was man in den 80ern vermeiden wollte: sich aus Kostengründen vom Ausland abhängig gemacht, zumal sich Pipelines ja nicht einfach umlegen lassen. Ach ja, und nach dem Untergang der Sowjetunion hat man auch nichts eiligeres zu tun gehabt als die Bundeswehr abzurüsten, kostet ja auch nur unnötig Geld.

Aber das Ganze basiert eben auf dieser Grundkrankheit der Bevölkerungsmehrheit: Man glaubt alles was von Bekannten auf WhattsApp, Twitter & Co. geteilt wird, gerät in Panik und kauft dann alles leer. Egal ob das Klopapier ist oder jetzt Bratöl. Dabei gab es schon vor 300 Jahren die klugen Köpfe der Aufklärung die sich rationales Denken auf die Fahnen geschrieben hatten, sich aber nie durchsetzen konnten. Klar, weil sie eben nicht die Persönlichkeitstypen der Mehrheit repräsentierten. Wäre man vernünftig gewesen, dann hätte man schon Anfang der 2000er als die Erderwärmung im allgemeinen Bewusstsein angekommen war massiv in die Kernenergie investiert um schnellstmöglich aus Kohle und Öl aussteigen zu können. Damit sage ich nicht, dass man nicht parallel dazu auch die Forschung im Bereich Wind und Solar unterstützen sollte, ich kann mich ja gut erinnern dass in den 1990ern auf dem Campingplatz in Holland ein Windrad neben dem Rezeptionsgebäude stand. Was man aber völlig vernachlässigt hat ist eben, dass diese Energiequellen ohne Speichertechnik (die man nie großartig entwickelt hat) nur ein nice-to-have sind, aber eben niemals die anderen Energieträger ersetzen können.

Kurz und gut: Die Kombination aus Gier und Geiz, zusammen mit Angst und schlichtweg einfach Dummheit hat uns in die Scheiße geritten in der wir uns jetzt befinden. Aber das sind eben Eigenschaften die in der Menschheit weit verbreitet sind. Man kann nur von Glück sagen dass es etwas ausgleichende Gerechtigkeit gibt und Putins Russland davon ja ebenfalls getroffen wird. Dort führte Gier ja zu Korruption was wiederum dazu geführt hat dass auf den Fahrzeugen nur Billigreifen aus China sind und die Aktivpanzerung der Panzer teilweise Eierkartons statt Sprengstoff enthält. Es bleibt halt eine schöne Utopie dass es weitsichtige, uneigennützige Führer gibt die das Gemeinwohl im Sinn haben und die Methoden die sonst Autokraten und Populisten zur Bevölkerungsbeeinflussung nutzen eben nur dazu gebrauchen um das Richtige auch mehrheitsfähig zu machen.

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