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Geschockt

Putins Krieg gegen die Ukraine hat mich geschockt - aus mehreren Gründen. Ich hatte es zwar für möglich gehalten, dass er in die Separatistengebiete einmarschiert, denn damit wäre er vielleicht auch noch durchgekommen da diese ja de facto nicht mehr Teil der Ukraine sind. Aber eine komplette Invasion - was soll das?

Mein Schock spielt sich auf mehreren Ebenen ab. Zum einen ist es das Gefühl, dass die NATO mit heruntergelassenen Hosen erwischt worden ist. Rußland greift mit 150.000 Mann an und die NATO hat in Europa nur einen Bruchteil dieser Streitmacht. Dann muss man sich auch fragen, wie die Situation in Deutschland ist. Mit einem Verteidigungsetat von knapp 62 Milliarden Dollar kann Rußland 900.000 Mann, 2 Millionen Reservisten, 3.330 Panzer, 17.000 gepanzerte Fahrzeuge, 5.700 Geschütze, 49 U-Boote, 521 Überwasserschiffe, 1.379 Flugzeuge und 6.255 Nuklearwaffen aufstellen. Schockierend wird es, wenn man das mit der Bundeswehr vergleicht. Der Bundeswehretat lag bei knapp 47 Milliarden Euro, also 3/4 des russischen Etats.

Nur wenn man sich anschaut was man dafür bekommt, ist man einfach nur schockiert. Hat da niemand bei idealo die Preise verglichen? Die Personalstärke ist durch den Zwei-plus-Vier-Vertrag auf 370.000 begrenzt, tatsächlich gibt es nur 184.000 Soldaten, 90.000 Reservisten, 4.500 gepanzerte Fahrzeuge, 328 Panzer, 180 Stück Artillerie, 6 U-Boote, 39 Überwasserschiffe, 225 Kampfflugzeuge und 20 Nuklearwaffen im Rahmen der NATO-Teilhabe. In Bezug auf das was es kostet ist das furchtbar - für 3/4 der Kosten nur 1/10 des Materials - und absolut lächerlich gegenüber dem Bedrohungsszenario, weil es anderswo in Europa ja nicht besser aussieht. Das Gefühl mit den heruntergelassenen Hosen ist mir nur zu sehr bekannt, zwar nur im Computerspiel, aber immerhin. Ich habe mal Online Multiplayer Balanced Annihilation gespielt und wenn man da zum Beispiel nur auf seine Bodentruppen und Infrastruktur geachtet hat und vergessen hat für die Flugabwehr zu sorgen konnte es passieren dass man hilflos zusehen musste wenn einer der Gegner mit einer Bomberflotte alles platt gemacht hat und man nichts dagegen tun konnte. Ein wirklich beschissenes Gefühl.

Die nächste Ebene des Schocks ist eine moralische: Putin beweist, dass man in der Welt alles bekommen kann wenn man es sich nehmen kann (und die größte Kanone hat). Warum soll man den Weg von Recht und Gesetz gehen wenn es auch ohne geht? Da fragt man sich wirklich, ob man das in kleinem Maßstab nicht auch machen soll, also einfach alles machen wenn die Strafe im Vergleich zum Ertrag nicht so dramatisch ist.

Und damit kommen wir zum nächsten Punkt: Die Sanktionen und die Bundesregierung dabei auf der Bremse. Wenn man sich schon aus sicherheitspolitischen Erwägungen nicht am Konflikt beteiligen kann (Putins Drohung mit Atomwaffen bei Einmischung sollte man ernst nehmen), dann sollte man die brutalsten Sanktionen verhängen die es gibt, denn eine Steigerung ist bei "Planung und Durchführung eines Angriffskrieges" nur noch schwer möglich. Also ein totales Handelsembargo. Auch wenn das heißt dass man bei Kohle, Öl und Gas etwas schwer schlucken muss. Dass die ganze schöne Energiewende auf Putins Gas gebaut ist hatte ich ja schon erwähnt und das ist ja auch schon eine Katastrophe. Aber selbst bei dem Ausschluss aus SWIFT tut sich der Westen schwer. Und die Sache mit dem Angriffskrieg: Dafür könnte man Putin zum Tod durch den Strang verurteilen. Haben die Sieger 1945 auch mit den Deutschen so gemacht, das war der erste Anklagepunkt.

Normalerweise habe ich ja Probleme mich in andere Menschen hineinzuversetzen. Im Fall der Ukraine habe ich aber kein Problem damit, denn das Gefühl von seinen "Freunden" in der Not im Stich gelassen zu werden hatte ich auch schon beim Hochwasser und den Folgen. Und die Pazifisten in der Bundesregierung machen ja genau das. Werner Kohlhoff schreibt das sehr schön in seinem Kommentar im Trierischen Volksfreund vom 25.2.2022: Grundsatz: Keine Waffen in Krisengebiete [...]. Er klingt ja auch sehr moralisch. Im Fall der Ukraine wird er auf einen befreundeten, demokratischen Staat angewendet - und ist in Wirklichkeit unmoralisch. Denn er bedeutet nichts anderes, als diesen Staat schutzlos einem Aggressor auszuliefern.. Und weiter:Will zum Beispiel SPD-Fraktionschef Ralf Mützenich immer noch, dass die Amerikaner ihre Atomwaffen aus Deutschland abziehen? Welchen Schönheitspreis bekommt man bei Putin für den Status "atomwaffenfrei"?. Genau das: Pazifismus ist unmoralisch und unrealistisch, aber weit verbreitet, genauso wie die angeblichen "Rußland-Versteher" von denen es auch so viele gibt. Man dürfe Putin eben nicht provozieren, man hätte Zusagen gebrochen (die nirgendwo schriftlich zu finden sind) - das Gegenteil ist der Fall. Putin hat sich ja über die Verhandlungsbemühungen des Westens so lustig gemacht wie es nur ging in dem er den berühmten sieben-Meter-Tisch verwendet hat, während er Lukaschenko zeitgleich freudig umarmt hat. Außerdem hat Putin schon 2014 das Budapester Memorandum gebrochen wo die Ukraine ihre Atomwaffen gegen die Zusicherung territorialer Integrität zurückgegeben hat. Man kann über die Ära Reagan sagen was man will, aber damals hat man verstanden wie man mit solcher Aggression umgehen muss: Aufrüsten und damit die Gegenseite an den Verhandlungstisch zwingen.

Die NATO-Osterweiterung ist doch nur eine logische Konsequenz: Jede Demokratie in Putins "Einflussbereich" hat im Prinzip eine Existenzangst, und die NATO ist der einzige verfügbare Schutz. Und da die Türe zuzuknallen ist genauso unmoralisch wie der Pazifismus, siehe oben. Aber Merkels Veto 2008 hat die Ukraine zwischen den Fronten verhungern lassen. Es ist eigentlich ein Wunder, dass die Ukrainer nicht alle Deutschen hassen, denn die Geschichte mit den 5.000 Helmen die dann noch viel zu spät geliefert wurden ist ein Schlag in die Fresse wie er schlimmer kaum geht.

Das die UNO ein total verkorkstes Produkt der Nachkriegsordnung ist brauche ich ja wohl nicht extra zu erwähnen. Was ist das für ein System bei dem sich fünf Nationen einen Freibrief - und nichts anderes ist das Vetorecht - gegeben haben alles machen zu können was sie wollen? Das ist genauso mies wie die Pariser Vorortverträge bei denen die damaligen Sieger allen anderen die Bedingungen diktiert haben, zu ihren Gunsten natürlich.

Der einzige Hoffnungsschimmer sind Stand heute die Ukrainer selbst. Obwohl sie mit einem übermächtigen Gegner konfrontiert sind, haben sie total keinen Bock darauf in einer Putin-Diktatur zu leben und sind auch bereit dafür zu kämpfen. Da gibt es die Geschichte von dem jungen Paar, das seine Hochzeit von Mai kurzerhand vorgezogen hat und sich danach bei der Miliz eingeschrieben und bewaffnet hat. Oder Selenskis Vorgänger, der jetzt auch mit der Kalaschnikow herumläuft. Wenn in Kiew jetzt wirklich 25.000 Sturmgewehre an die Bevölkerung ausgegeben wurden, dann möchte ich kein russischer Soldat mit einem Angriffsbefehl sein ...

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