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Machtlos

Es wird INTJs ja öfter nachgesagt, dass sie das Cassandra-Syndrom-haben: Fähig, die Zukunft vorauszusehen (oder sogar einen Plan haben, mögliche Desaster abzuwehren), aber niemand hört zu. Ich bin zwar normalerweise nicht sonderlich anfällig für Stimmungsschwankungen, im Moment habe ich aber einen wirklich bösen Fall von Cassandra-Syndrom und es gibt nichts, was ich machen könnte was daran was ändern würde. Außer in einen Blog zu schreiben, den keiner liest. Man darf auch kein Fernsehen schauen. Was im TV gesehen habe, waren mehrere Berichte: Einmal über die Müllmafia in Kalabrien, den Klimawandel und eine Reportage über den Brexit, dazu noch ein satirischer Beitrag über das Gesundheitssystem in extra3.

Wobei der erste Punkt gar nicht mal aus dem TV ist, sondern auf meinem eigenen Mist gewachsen ist, als Reaktion auf die Erkenntnis dass es noch viel mehr Vorschriften gibt die man befolgen muss, wenn man Mitarbeiter nach Luxemburg schickt und dass es fast schon einen zusätzlichen Mitarbeiter braucht nur um die Bürokratie zu bewältigen. Das brachte mich zu der Erkenntnis, dass das Verhältnis von Staat zu Bürger mittlerweile ganz gewaltig aus der Balance gebracht ist. Der Staat entwickelt sich immer mehr zum Strafenden Staat, der bei der Übertretung von Vorschriften liebend gern Bußgelder verhängt, und seien es auch nur Bagatellen (bei den allseits beliebten Blitzern sind die allermeisten gerade mal 10 km/h zu schnell). Auf der anderen Seite fühlt sich der Staat weder verantwortlich für seine Bürger, noch will er diese Verantwortung festgeschrieben haben. Die Rede ist von einem richtigen Staatshaftungsgesetz, etwas was Deutschland nicht hat. Es gibt nur ein paar Zeilen über das Fehlverhalten von Beamten im Dienst und da gibt es praktisch nie gerichtlich Entschädigung für. Es ist völlig egal, wenn grundrechtswidrige Gesetze erlassen werden oder wenn das Sicherheitsversprechen gebrochen wird oder die versprochene Infrastruktur nicht bereitgestellt wird: Der Bürger hat keinen Anspruch. Dabei wäre es nur logisch, den Staat zur Verantwortung zu ziehen: Er sorgt für die Innere Sicherheit, wir alle bezahlen dafür und wenn dann doch Gewalttaten passieren, sollte es vom Staat eine Entschädigung geben. Wenn ich ein Auto kaufe und das fährt nicht, dann ist es mit einem Schulterzucken eben auch nicht getan. Ich habe getan, was ich tun konnte (an eine Partei geschrieben, damit Sie bitte mal darüber nachdenkt) aber passieren wird nichts.

Der Müll ist wahrlich erschreckend: Wahrscheinlich eine kleine Gruppe von Superbossen mit einer Suborganisation in Politik, Verwaltung und Wirtschaft entsorgt Müll zu Dumpingpreisen, und war nicht die normale Sorte sondern diejenige über die hier jahrzehntelang gestritten wird. Wie man das Zeug für hunderttausende Jahre sicher lagert. Die Kalabrische Lösung für schwach radioaktiven Müll: In den Fluss kippen, mitsamt dem Transportschiff im Meer versenken, Fässer vergraben, in Mülldeponien abkippen, oder als Zuschlag in Baumaterialien verarbeiten. Das gleiche gilt auch für Giftmüll aller Art. Dadurch passiert genau das Gegenteil von dem was man will: Praktisch die ganze Gegend ist kontaminiert und die Menschen sterben reihenweise an Krebs. Die lokale Umweltschutzbehörde will nie etwas auffälliges gemessen haben. Das Zeug ist im Grundwasser, im Gemüse, im Fleisch, überall. Ein Fass lässt sich sicher in einem trockenen Bergwerk lagern und da kommt das nicht weg. Verteilt man das Fass aber in der Gegend, dann lässt es sich entweder gar nicht mehr oder nur noch mit einem riesigen Aufwand sanieren. Trotz allem schweigt die Bevölkerung und die lokalen Behörden machen - bis auf ein paar Staatsanwälte - nichts.

Nächster Fall: Klimawandel. Man muss nicht den Teufel an die Wand malen, er ist schon da: Die Hälfte des Great Barrier Reef ist schon tot und dem Rest geht es auch nicht mehr gut. Die Eisbären sind dabei auszusterben, weil es kein Eis mehr gibt. Was passiert politisch? Es wird über die 2-Grad-Grenze diskutiert aber die ist wohl schon lange nicht mehr realistisch einzuhalten. Die Emissionen steigen sogar immer noch. In Deutschland laufen ja gerade die Gepräche für die Viererkoalition und ich sage voraus, dass dabei höchstens ein Minimalkompromiss dabei herauskommt, aber auf keinen Fall die entschlossenen Maßnahmen, die zur Bewältigung der Situation benötigt werden. Ein ähnliches tatenloses Zusehen gilt auch beim Brexit: Es gibt die Deadline, aber Theresa May scheint überhaupt keinen Plan zu haben, wie und was eigentlich gemacht werden soll, die Labour Party ist ähnlich gespalten und die ersten Verhandlungsrunden mit der EU haben keine Annäherung gebracht. Auch hier sage ich voraus, dass die den Karren richtig gegen die Wand fahren. Sorry, aber wenn ich mir das so anschaue, sehe ich für die Zukunft der Menschheit richtig schwarz. Wenn man die Regierungen mit einem eindeutig realen Problem konfrontiert, das nach einer Lösung verlangt, aber alle Beteiligten wie die Kaninchen vor dem Tiger in Schockstarre verfallen oder ohne Ergebnis verhandeln bis es zu spät ist, dann Mahlzeit. Für den Tiger.

Und zum Anfang zurück: Ich sehe den Handlungsbedarf, aber was kann ich als einzelner machen? Nichts. Klar, ich kann Briefe und Blogs schreiben aber die verhallen wirkungslos. Ich darf auch alle vier Jahre ein Kreuzchen machen, was rein gar nichts darüber aussagt wie ich diese Probleme lösen würde, da das einfach nicht politisch diskutiert wird. Wie auch die Gesundheitsrefom. Rational betrachtet ist die jetzige Zweiklassenmedizin Unsinn. Politisch betrachtet profitieren vor allem die Beamten und die Ärzte und eine Menge anderer reicher und einflussreicher Leute davon, deshalb wird sie ganz gewiss nicht abgeschafft, ja nichtmal darüber diskutiert. Und als Krönung lese ich zufällig in einer älteren Ausgabe der ZEIT: Die Demokratie durch Wahlen hat mit der antiken Demokratie nichts zu tun. Dort wurde die Volksvertretung nämlich ausgelost. Dadurch kamen ganz normale Menschen in die Verantwortung und weil ihre Amtszeit begrenzt war waren diese auch frei in ihrer Entscheidung. Während der französischen und amerikanischen Revolution haben die Revolutionsführer aber das Prinzip korrumpiert indem sie die Demokratie ausgerufen haben, aber Wahlen eingeführt haben was zu nichts anderem als einer Wahl-Oligarchie führt - eben aus der Gruppe von Leuten die die Revolutionen gemacht haben. Und eben wahlweise korrumpierbar sind durch die verschiedenen Lobbygruppen oder auf ihre nächste Wiederwahl schauen. Das Wohl des Staates scheint da deutlich zu kurz zu kommen. Mist.

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