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Machtlos, zweiter Teil

Nachdem ich ja schon vorher über das Cassandra-Syndrom geschrieben habe und dass ich in Bezug auf die großen Dinge machtlos bin, jetzt einmal das Ganze aus einem sehr viel persönlicheren Bezug. Es ist auch ein sehr schönes Beispiel dafür, wie sehr die Schulzeit ein Kind schon prägen kann. Ich hatte das Pech, als eines der jüngsten Kinder des Jahrgangs eingeschult zu werden und war dazu immer schon sehr schmächtig und damals schon seltsam, alles in allem eine ungünstige Kombination. Damals gab es den Begriff noch nicht, heute würde man Mobbing dazu sagen. Ein herausstechendes Beispiel waren zum Beispiel die angezündeten Schnürsenkel. Oder früher das fast schon exemplarische: Die-Mütze-wegnehmen-und-dann-im-Kreis-herumwerfen. Jetzt gibt es mehrere Möglichkeiten, wie man mit einer solchen Situation umgehen kann: Entweder man zerbricht daran, man frisst es in sich hinein oder man kämpft sich durch. Ich habe letzteres gemacht und vielleicht ist es auch ein Grund dafür, warum ich jetzt da stehe wo ich bin. Die Menschen, die nicht gelernt haben für sich zu kämpfen - vielleicht auch weil sie es nie mussten - die hatten es zwar bequemer, aber sind dann recht hilflos wenn sich eine solche Situation Jahre später tatsächlich mal einstellt. Für mich ist das ein alter Hut: ich bin es gewohnt für das zu kämpfen was ich haben will und mich durchzubeißen wenn es weh tut.

Das ganze hat aber eben auch mit Macht zu tun: Ich kann mich noch sehr genau daran erinnern wenn ich mir nach einer Demütigung gewünscht habe, dass ich irgendwann mal auf der anderen Seite stehe und dann am längeren Hebel bin, eben andere unter meinen Willen zwingen kann. Genau das ist ja Machtausübung. Es gab mal eine interessante Dokumentation über einen notorischen Verbrecher, fast schon Meisterverbrecher, der von der Persönlichkeit auch verdammt nah an INTJ war. Soweit das aus der Doku ersichtlich war, wurde er auch in verschiedenen Kinderheimen misshandelt und dort ist dann das zweite passiert: Er hat es in sich hineingefressen und dann als Krimineller seine Macht offen ausgeübt. Nichts anderes ist das ja wenn man sich bewaffnet und dann anderen seinen Willen aufzwingt (das heißt das Geld abzugeben). Genauso exemplarisch für INTJ war, dass er immer wieder Probleme mit seinen Mitganoven hatte. So gut seine Pläne auch waren, er ist eben immer wieder verraten worden.

Aber zurück: dummerweise warte ich immer noch darauf, mal am längeren Hebel zu sein. Jedenfalls hatte ich im Geschäftsleben bisher immer nur zweiseitige Beziehungen wo man sich in der Mitte treffen muss. Wenn ich nicht sogar sehr weite Zugeständnisse machen muss - zum Beispiel machen meine Mitarbeiter vieles gar nicht mit dem ich sie beauftrage. Nur kann ich meine Macht eben nicht ausüben denn dann würden sie sich womöglich dem Druck schnellstmöglich entziehen i.e. kündigen. Und dann habe ich noch mehr Probleme als vorher.

Und wenn ich dann doch mal die Möglichkeit hatte zum Beispiel eine Rechnung zu meinen Gunsten zu schreiben - dann hat das mein ausgeprägter Sinn für Fairness und "das Richtige", die für alle Seiten objektiv akzeptable Lösung verhindert. Ich bringe das nicht fertig, jemanden bluten zu lassen wenn ich mich übervorteilt fühle. Selbst wenn ich mich von jemandem getrennt habe, dann habe ich das immer so gemacht dass die Beziehung grundsätzlich intakt geblieben ist - die Brücken hinter sich abzubrennen halte ich für eine sehr dumme Vorgehensweise. Deshalb fällt Nachtreten eben auch aus.

Leider bin ich mit dieser Einschätzung so ziemlich allein und das ist auch der Grund für diesen Tagebucheintrag. Denn mal wieder wurde ich unter den Tisch gezwungen, diesmal von meinem vorherigen Monteur. Wie in einem vorherigen Artikel geschrieben: Es gibt eine Pauschale, die dafür sorgt dass sich die Überschüsse bei den großen mit dem Mehraufwand bei den kleinen Aufträgen ausgleichen. Jetzt ist es aber so gelaufen, dass es nach der festen Zusammenarbeit nur noch sporadische Aufträge gab: einen großen wo ich über 1.000€ mehr bezahlt habe als es nach Stunden eigentlich waren - und die kleinen Aufträge sind nicht nach Pauschale, sondern nach Stunden bezahlt worden. Wenn das objektiv keine Schieflage gegenüber der ursprünglichen Vereinbarung ist, dann weiß ich es auch nicht. Als ich ihn vorsichtig darauf angesprochen habe, bekam ich eine volle Breitseite der Machtausübung ab: Er hätte so viel zu tun, dass er es auch lassen könne und seiner Meinung nach sei das so völlig in Ordnung. Und ich bin dann mal wieder gezwungen das auch noch toll zu finden. In so einem Fall fühlt man sich wirklich wieder genauso machtlos wie in der Schule.

Wenn man sich dann überlegt, wie man überhaupt auf einen grünen Zweig kommen soll - wenn man die "guten Deals" à la Trump mit seinem Gewissen nicht vereinbaren kann und jede Menge schlechte Deals akzeptieren muss. Das Geheimnis liegt dann wohl in der Eichhörnchen-Methode: Überall mal eine kleine Nuss vergessen und auf die Dauer wird dann doch ein stattlicher Wald daraus. Das ist auf jeden Fall mühsam und setzt voraus, dass so genug zusammenkommt um die Verluste ausgleichen zu können und am Ende noch etwas übrig zu haben. Für dieses Jahr sieht es jedenfalls nicht gut aus, da bleibt dann nur die Hoffnung auf das nächste.

Jetzt kann ich auch nochmal den Bogen zurück in die weite Welt der Politik spannen: Genau diese Verlockung der Macht ist es, die einen Großteil der Politiker korrumpiert. Eben genau das Bewusstsein, dass das eigene Wort Gesetz ist und andere Menschen das machen müssen was man verkündet. Es gibt da natürlich Abstufungen und in einer Demokratie sollte sehr viel auf Kompromiss gebaut sein - aber im Prinzip geben die Menschen die Macht haben, diese nur sehr ungern wieder ab. Und in den meisten Fällen wird die Macht auch zu den eigenen Gunsten gebraucht. Weil meine Quelle an fiktionaler Lektüre mal wieder erschöpft ist lese ich wieder mehr die ZEIT, und da war ein Artikel über Afrika. In fast allen Staaten des Kontinents hat dieses Prinzip entweder den Wohlstand zerstört oder überhaupt schon verhindert dass er entsteht. Korruption (Nigeria) ist ja wohl das bekannteste Prinzip der Ausnutzung persönlicher Macht, neben dikatorischen Familienclans. In anderen Fällen (Sierra Leone) wurde von außen Macht ausgeübt, in einem anderen war es die Marktmacht der USA mit subventionierter Baumwolle die die Bauern in die Knie gezwungen hat. Nur in Botswana kamen Menschen an die Macht in einem damals völlig armen, uninteressanten Land die den Reichtum der später gefundenen Diamanten für das Allgemeinwohl verwendet haben, sich eben nicht von der Macht haben korrumpieren lassen. Aber das ist eben die eine Ausnahme aus über 50 Ländern.

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