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Diktatur der Mehrheit

Nachdem sich das jetzt nahezu parallel in verschiedenen Ländern der Erde wiederholt muss ich mal über die dunkle Seite der westlichen Demokratie schreiben: ein Phänomen, was man als "Diktatur der Mehrheit" beschreiben könnte. Die Idee ist nicht von mir sondern von dem Autor James Galloway (Fel) in der Geschichte "Earth Bond" niedergeschrieben. Es geht darin um eine Insel auf der fünf verschiedene intelligente Drachenarten leben: Erddrachen, Wasser, Wind, Feuer und Himmelsdrachen. Die ersten stehen im Fokus der Geschichte: sie können anders als die anderen nicht fliegen und haben auch keine Magie, sondern stehen auf Technologie (sie infiltrieren als Agenten die Menschen um sie zu beobachten und das Geheimnis der Dracheninsel zu wahren) und haben auf der Insel auch eine fortgeschrittene Infrastruktur aufgebaut. Die Drachen werden von einem Council regiert in dem jede Spezies zwei Mitglieder hat und - man kann es sich schon denken - Erd- und Wasserdrachen werden von den anderen drei regelmäßig überstimmt als die Himmelsdrachen die Insel wieder zurück in die Steinzeit werfen wollen und dabei profitieren dass die Feuerdrachen für alles stimmen solange sie Football sehen können und die Winddrachen sich den dreckigen, erdgebunden Drachen überlegen fühlen.

Kommt einem das irgendwie bekannt vor? Es gibt im Moment so viele Situationen, wo es Regierungen gibt die nur eine knappe Mehrheit haben (und das nicht einmal nach absoluten Stimmen, sondern nach denen die tatsächlich gewählt haben) und die der Minderheit ihren Weg aufzwingen. Das wäre Erdogan in der Türkei, die Brexiteers in Großbritannien oder Trump in den USA. Am krassesten ist es wohl beim Brexit: In einer Talkrunde hat die englische Vertreterin in bestem britischen Humor bemerkt dass eine neue Abstimmung wohl gegen den Brexit ausgehen würde weil sich die Mehrheitsverhältnisse schon alleine auf dem biologischen Weg verschoben hätten. Nur sitzt eben diese Scheinmehrheit immer noch an der Macht und es waren keine 100.000 Tory-Mitglieder, die jetzt Boris Johnson in die Downing Street befördert haben, alles völlig demokratisch und trotzdem gegen den Willen eines guten Teils der Bevölkerung. Keine Ahnung was der Typ noch alles an Flurschaden anrichtet. Das ist das ganz, ganz große Problem der Demokratie: Wer die Mehrheit hinter sich hat, hat das Sagen. Das Problem ist eben nur, das damit in vielen Fällen nicht der Weg eingeschlagen wird der für alle am Besten ist sondern die Entscheidungen getroffen werden die die Mehrheit bei Laune halten.

Nachdem wir gerade alle durch den heißesten Sommer aller Zeiten gekocht werden gibt das ein gutes Beispiel: Maßnahmen gegen den Klimawandel sind sicherlich mehrheitsfähig, aber wenn dadurch alles teurer wird, zum Beispiel die Mieten - dann findet sich schnell keine Mehrheit mehr respektive die Mehrheit ist dagegen. Im Prinzip ist es ein Dilemma: treffen mutige, vorausschauende Politiker die richtigen, aber unpopulären Entscheidungen werden sie dafür abgewählt. Oder sie verlassen den Pfad der Demokratie und machen das entweder heimlich, auf dem bürokratischen Weg oder unterdrücken die Proteste.

Was bei der ganzen Diskussion nie angesprochen wird - natürlich komme ich jetzt wieder auf Persönlichkeitspsychologie zurück. In der Bevölkerung stellen die Sensor-Typen natürlicherweise die Mehrheit und diese sind einfach der weniger intelligente und weniger weitsichtige Teil, während die Intuitiven (und von diesen vor allem die introvertierten) ausgegrenzt werden. Das ganze wird ein klein wenig dadurch kompensiert dass die Demokratie nicht perfekt ist sondern die Wirtschaft ihren Teil mit hineinregiert und diese wiederum wird wohl in der Hauptsache von Intuitiven geführt. Das Problem ist eben nur, dass sie ihren Einfluss in der Regel nicht uneigennützig geltend macht.

Was ist der Unterschied zwischen Intuitiven und Sensoren? Man kann vieles davon darauf zurückführen was Stephan R. Covey in "The 7 Habits of Highly Effektive People" erwähnt. Unter anderem ist das die Kombination aus Vorstellungsvermögen und Proaktivität. Ich mache ja gerne Beispiele, also nehmen wir was ich gerade eben gemacht habe: Meine Monteure wollten die Klapp-Arbeitsböcke nicht mehr haben sondern lieber feste. Da ich mir gerade einen Servicewagen aufbaue und da nicht so viel Platz ist habe ich sie dann genommen. Den Hauptgrund warum die Teile so unbeliebt waren habe ich auch wohl schnell gefunden: Die Schrauben mit denen die Beine fixiert werden lassen sich schlecht mit den Fingern drehen weil sie eine fingerunfreundliche Form haben. Ein Sensor-Typ beschwert sich und will was anderes. Ich als Intuitiver denke nach, werfe den 3D-Drucker an und mache mir fingerfreundliche Schrauben. Die ganze Inneneinrichtung die ich gebaut habe stinkt nur so nach Intuitivem Denken: Ich überlege mir was am Besten funktioniert und dann baue ich das so. Und wenn ich nach den ersten Fahrten merke dass es besser gehen könnte dann optimiere ich noch daran herum. Es steckt zwar dann irrsinnig viel Arbeit darin, aber das Ergebnis hätte ein S-Typ so nie hinbekommen. Entweder wäre er gar nicht auf die Ideen gekommen oder er hätte viel früher bei einer weniger optimalen Lösung Schluss gemacht.

Man kann nun jetzt leider nicht sagen dass die Welt besser wäre wenn sie von den Intuitiven regiert werden würde. Dann dafür sind die Menschen zu verschieden und es auch genügend Ns, die hauptsächlich auf den eigenen Vorteil bedacht sind und das Gesamtbild außer acht lassen. Aber es bleibt das grundsätzliche Problem dass selbst wenn die "richtigen" Menschen in einer verantwortlichen Position sind, sie nicht das machen können was sie müssten weil die Mehrheit ihre Weitsicht und Weltanschauung nicht teilt. Viel zu oft wurden die Visionäre als "Spinner" oder "Verrückte" abgetan, nachher hat sich dann oft herausgestellt wie richtig sie doch lagen.

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