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O tempora, o mores

Der Sittenverfall wurde schon in der Antike beklagt. Ich habe auf Youtube ein paar Videos gesehen bei denen es um total vermüllte Flüsse ging von denen aus der Müll in die großen ozeanischen Müllstrudel gelangt. Ich habe mich dabei auch noch aus dem Fenster gelehnt und in Kommentaren behauptet, dass es das in Deutschland nicht gibt. Wir haben das Dosenpfand, den gelben Sack, die regelmäßige Problemmüllsammlung ... ich musste meine Worte ganz schön schlucken.

Müll am Ufer in Kalkutta
Müll am Ufer in Kalkutta, Photo by Abhyuday Majhi on Unsplash

Bekanntermaßen hatten wir ja im letzten Jahr die Sturzflut, wo der ansonsten nur ein paar Zentimeter tiefe Bach innerhalb von ein paar Stunden auf über drei Meter angeschwollen ist und eine Schneise der Verwüstung hinterlassen hat. Dabei hat er auch einiges an Treibgut mitgerissen und ich hatte die spontane Idee, wie in den Videos aufzuräumen und die Plastikfolien die noch in den Bäumen hingen einzusammeln.

Am Ende habe ich wohl sechs Stunden für 1,2 Kilometer Bach gebraucht und ich habe jede Menge Zeug gefunden was wohl erst nach der Flut seinen Weg in die Natur gefunden hat:

Gesammelter Müll von 1,2 Kilometern Bach
Gesammelter Müll von 1,2 Kilometern Bach

Wenn man sich das im Detail anschaut dann kann man deutliche Muster erkennen. Zum Beispiel gibt es da die typischen Snacks, deren Verpackung nach Verzehr in die Natur geworfen wird. Ich habe fast ein komplettes Ferrero-Sortiment zusammen, bestehend aus Duplo, Milchschnitte, Kinder Bueno, aber auch mehrere PickUp Riegel und nicht zu vergessen die Haribo Goldbären und KitKat. Beliebt sind anscheinend auch Erdnussflips. Dazu passen die Durstlöscher für zwischendurch - alleine drei Mal Solevita Multifrucht. Wenn man erkältet ist - es sind pratisch auch alle Marken von Einwegtaschentüchern mit ihrer Verpackung vertreten.

Snackverpackungen
Snackverpackungen

Die nächste große Gruppe sind Dosen und Plastikflaschen. Diese machen ja auch einen großen Teil der Umweltverschmutzung in Flüssen der dritten Welt aus. Es gibt in Deutschland dafür ja extra das Pfand, aber selbst das hält die Menschen nicht davon ab das Zeug in die Natur zu pfeffern. Vom Lambrusco über mehrere Biermarken, Red Bull und Cola bis Fanta ist alles vertreten. Eher verwunderlich ist die geringe Zahl von Zigarettenschachteln (nur drei) und bei den Corona-EinWEGmasken scheint es auch eine unterschiedliche Auslegung des Begriffs zu geben. Davon waren es mindestens sieben Stück. Was bedenklich ist - aber das ist wahrscheinlich wohl wirklich noch von der Flut übriggeblieben - sind die Spraydosen mit Startpilot, Holzwurmtod und den Reinigungsmitteln. Immerhin konnte ich für das Zeug noch 4,62 Euro Pfand einlösen, der Automat hat tatsächlich das meiste noch geschluckt wo das Pfandlabel noch erkennbar war. Das deckt zumindest die Entsorgungskosten. Für den Rest vom Altglas gibt es ja öffentliche Sammelcontainer, witzigerweise auch am Bachufer.

Dosen und Flaschen
Dosen und Flaschen

Die Prunkstücke der Sammlung sind aber sicherlich das Bügeleisen, das Handy, der Kopfhörer, der Lautsprecher und die Lichterkette samt Batterie. Dafür gibt es die Elektroschrott-Entsorgung.

Die Prunkstücke
Die Prunkstücke

Das Nummernschild ist auch so ein Kuriosum: Der TÜV ist schon 1967 abgelaufen. Keine Ahnung wo das herkam.

Was hier jetzt nicht abgebildet ist waren die richtig großen Teile die ich nur nach oben auf die Böschung transportiert habe weil ich sie selbst nicht entsorgen kann. Da war ein Ofenschieber dabei, ein Querlenker aus einem Auto, ein Polsterhocker, ein Rad, Zaunbretter, die Seitenteile von einem Küchenschrank, verschiedene Bretter. Den Teppich musste ich lassen wo er war, zu eingeklemmt hinter einem Baumstamm.

Aber um zum Titel zurückzukommen: Was sind das für Leute, die ihren Müll einfach in die Landschaft werfen? Es wird viel von Mikroplastik geredet und ich konnte den Effekt jetzt selbst sehen: durch die UV-Strahlung wird das Plastik spröde und zerfällt zu immer kleineren Partikeln. Es verschwindet aber nicht. An dem einen Ende meines Wegs stand ein Mann am Ufer mit dem ich ins Gespräch gekommen bin. Der hat die Fischereirechte gepachtet und er hat ständig mit dem Problem zu tun, teilweise noch viel schlimmer an anderen Flußstrecken. Unter anderem eine komplette Küche oder Hausmüll mit Medikamenten. Aber selbst wenn sich dieser Müll dank der Doofheit der Umweltsünder zuordnen lässt (Briefumschläge mit Adresse!) scheint sich bei den Behörden wohl niemand dafür zuständig zu fühlen, er wurde von der Polizei zur Kreisverwaltung zur Verbandsgemeindeverwaltung und wieder zurück verwiesen. Und am Ende ist das nur eine Ordnungswidrigkeit mit 30€ Bußgeld.

Was er auch gesagt hat weil das Gespräch auch auf meine Firma kam: Sowohl sind es die Arbeitnehmer denen einfach alles egal ist (Kollege wirft Bierdose aus dem Autofenster) als auch die Firmen die verkauft werden und in Folge dessen das Betriebsklima zusammenbricht. Wenn man die Leute so machen lässt und die Sorgfalt auf der Strecke bleibt dann springen die Stammkunden natürlich ab. Einfach allgemeiner Sittenverfall.

Für mich ist das alles irgendwie selbstverständlich. Genauso wie ich sorgfältig arbeite und es immer versuche so gut zu machen wie es halt irgendwie geht (was meistens schon ziemlich gut ist), werfe ich grundsätzlich keinen Müll in die Natur. Natürlich gab es Fälle wo ich keinen Einfluss darauf hatte: Bei der Sturzflut ist die Fensterscheibe der Haustüre geborsten und durch das Loch sind mit dem ablaufenden Wasser ein paar Teile weggeschwommen. Da war aber wegen der Strömung nichts dagegen zu machen. Genauso musste ich mich ein paar Mal in meinem Leben in der Natur erleichtern und habe dabei auch Toilettenpapier benutzt. Dazu gibt es aber auch den Toiletten-Artikel: an manchen Stellen ist man von Toiletten umgeben aber keine ist öffentlich zugänglich. Ich werde auch mal irgendwas verloren haben, aber das ist ja auch nicht freiwillig. Die Vermüllung der Landschaft ist aber ganz offensichtlich ein Ergebnis dieser "scheißegal" Mentalität, genauso wie die mangelnde Sorgfalt bei der Arbeit. Ich hatte das ja schon erwähnt: Um saubere Gehrungen bei Leisten zu schneiden benötigt man keine besonderen Fähigkeiten. Man muss sich nur langsam an die Passung heranarbeiten.
Aber das ist anscheinend für viele Menschen ein Fremdwort. Dazu passen auch Phänomene wie Vandalismus: sinnlose Zerstörungswut an öffentlich zugänglichem Eigentum. So betrachtet: egal was ich mache, es hat eine Bedeutung. Aber stattdessen greift die Bedeutungslosigkeit immer mehr um sich.

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