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Irrelevant

Ist ja schon krass, was man im Internet alles erlebt. Auf ein Video, bei dem es um die aktuellen Probleme ging die die Ukraine mit den deutschen Panzerhaubitzen hat, habe ich einen Kommentar geschrieben, worauf ich eine etwas komische Antwort erhalten habe:

Youtube-Kommentar Teil 1

Ich konnte die ursprüngliche Quelle nicht mehr finden wo es hieß, dass die Lebensdauer der T34 wirklich teilweise kürzer war als eine Tankfüllung, aber Wikipedia hat mich dann mit der passenden Info versorgt:

Youtube-Kommentar Teil 2

"Tom Rabe" hat aber nicht locker gelassen und ich habe mich dann sehr zurückgehalten:

Youtube-Kommentar Teil 3

Es geht hierbei um ein Ingenieursproblem, dazu komme ich später. Es ist eben nur kein Traktor oder Auto, sondern ein Militärgerät. Relevant für die Qualität meiner Aussage wäre höchstens wenn ich spezifisch auf der Panzerhaubitze selbst gedient hätte, nach dem Motto: "Ich habe schon 200 Schuss hintereinander abgefeuert und das hat einwandfrei funktioniert" (hat wohl im Frieden niemand, was das kostet ... sollte man aber mal machen, siehe Mark 14 Torpedo. Zu teuer um ihn zu testen - viel teurer wenn er im Einsatz nicht funktioniert).

Der Hausherr hat dann die folgende Entgleisung von Tom Rabe gelöscht:

Youtube-Kommentar Teil 3

Mir macht das schon was aus so behandelt zu werden. Ich hatte mir lange überlegt ob ich darauf reagieren sollte, habe mich aber dagegen entschieden weil man mit solchen Leuten nicht vernünftig reden kann. Durch die Löschung hat sich das dann auch erledigt.

Ich habe die Frage nicht beantwortet, auch wenn Herr Rabe das mir so unterstellt. Ich habe tatsächlich den Dienst an der Waffe verweigert. Ich kann jetzt auf die Schnelle meine damalige Begründung nicht mehr finden, aber soweit ich mich erinnern kann habe ich das nicht pazifistisch begründet sondern à la INTJ (ohne natürlich damals zu wissen dass ich ein INTJ bin): dass ich militärischem Gehorsam nicht Folge leisten kann wenn mich das dazu zwingt, vor meinem Gewissen moralisch nicht vertretbare Befehle zu befolgen. Das ist ja so ziemlich die Situation in der eine Menge russischer Soldaten im Moment in der Ukraine sind. Als INTJ hinterfrage ich immer, was mir andere gerne vorschreiben würden. Solange sich das mit meinem Wertekodex überlappt ist das kein Problem, wenn nicht ... selbst wenn man als "Staatsbürger in Uniform" rechtswidrige Befehle verweigern kann, müssen die Hürden da sehr hoch sein sonst würde kein Militär funktionieren.

Aber wie ich geschrieben habe: das ist total irrelevant in Bezug auf die Validität meiner Aussagen. Die basieren eben auf Ingenieurswissenschaften und auf Militärgeschichte und damit kenne ich mich schon aus. Im Gegenzug glaube ich nicht, dass man beim Militär beigebracht bekommt warum das Feldkanonengeschoss 1911 und das Haubitzgeschoss 1905 ingenieurstechnisch und logistisch ein totaler Flop waren. Oder welche Lehren (teilweise heute noch gültig) man aus dem Burenkrieg für die Infanterietaktik und aus dem Russisch-Japanischen Krieg für die Infanteriebewaffung ziehen konnte. Ich weiß das alles ...

Rein prinzipiell eröffnen sich da ganz neue Wege wenn man tatsächlich vor einer Äußerung in der Öffentlichkeit fundiertes Fachwissen voraussetzt. Das würde aber auf einen Schlag unser ganzes politisches System umwerfen. Zumindest die letzten drei Damen auf dem Stuhl des Verteidigungsministers haben ganz sicher nicht gedient. Und wir wären energiepolitisch heute ganz wo anders wenn man nur gegen Atomkraft demonstieren hätte dürfen wenn man selbst mal in einem Atomkraftwerk gearbeitet hat. Und so weiter. Um ein Argument zu widerlegen, muss man das an den Aussagen selbst machen, nicht mit einem Angriff gegen die Person.

Und dann kommen wir zu dem eigentlichen Kern meines Kommentars, dem Spannungsfeld in dem jeder Produktentwickler steckt. Auf der einen Seite des Feldes stehen verschiedene Parameter, wie:

  • Leistungsfähigkeit des Produktes
  • Lebensdauer
  • Wartungsfreundlichlichkeit
  • Erlern- und Bedienbarkeit

Auf der anderen Seite stehen die weniger freundlichen Sachen:

  • Entwicklungszeit und -kosten
  • Stückkosten
  • Kosten von Verbrauchsmaterial
  • Komplexität und Störungsanfälligkeit

Und eine ambivalente Position nimmt ein gerne und oft übersehener Punkt ein:

  • Kundenerwartung an das Produkt

So gerne man das hätte: es ist einfach nicht möglich alle Punkte gleichzeitig zu optimieren, man muss immer einen Kompromiss finden. Selbst wenn man offensichtliche Entgleisungen vermeidet - wie ein Produkt das viel mehr könnte als vom Kunden erwartet wird und deshalb nicht nur zu teuer, sondern auch zu kompliziert in der Bedienung ist - dann muss man immer abwägen was am wichtigsten ist. Im Fall meines Beispiels mit den Dampflokomotiven (und da darf ich mitreden da ich ja selbst schon eine gebaut habe, haha): die Weiterentwicklung auf Rollenlager war sicherlich besser, aber gelohnt hat sich diese Entwicklung nicht weil die Vorgängermodelle praktisch genauso lange genutzt wurden. Selbst ein Punkt der bei einem Produkt Sinn macht - es wäre gut, wenn Spülmaschinen 20 Jahre lang halten - macht wiederum bei Smartphones keinen Sinn wenn diese nach fünf Jahren schon technisch überholt sind.

Und um auf die deutschen Panzerhaubitzen zurückzukommen: Hier hat man wohl auf deutscher Seite den gleichen Fehler gemacht wie anno 1914 und völlig unterschätzt, dass man so gut funktionierende Kanonen eben auch deshalb so oft benutzt. Damals war das Problem das "Verbrauchsmaterial" und die erwähnten Geschosse: zu teuer, zu kompliziert, zu viele Features und zu schlecht in einzelnen Anwendungen und überhaupt nicht in den nötigen Stückzahlen produzierbar. Witzigerweise - es können nicht die gleichen Leute gewesen sein, das war eine Generation vorher - hat man sich wegen dieser Tatsache gegen die Einführung der Hinterlader bei der Infanterie gesträubt: ein Soldat würde seinen Munitionsvorrat zu schnell verschießen.

Auf der anderen Seite stellt sich immer die Frage nach der Leistungsfähigkeit, die auch einen höheren Preis schnell rechtfertigen kann: Wenn man ein Ziel mit einer einzelnen (teuren) HIMARS-Rakete zuverlässig zerstören kann ist das schnell billiger als wenn die Russen fünf Marschflugkörper abschießen müssen die einzeln vielleicht billiger sind, dafür aber eine viel größere Streuung haben. In Deutschland hat man sowohl den Raketenwerfer als auch die Artillerie gepanzert und auf Kettenfahrwerke gestellt, aber bei der derzeitigen Hit-and-run-Strategie ist das gleiche System auf einem LKW montiert in vieler Hinsicht einfach besser - mobiler, billiger ... bei der Artillerie eben die französische CEASAR oder das schwedische Archer-System. Verändert man hingegen die Randbedingungen wie zum Beispiel ein offensiver Blitzkrieg - dann ist auf einmal wohl die gepanzerte Variante besser die robuster gegen unvorhergesehenen Feindkontakt ist.

Der liebe Tom Rabe hat wohl einfach nicht begriffen, dass ich genau das sagen wollte: Ein Produkt ist immer nur so gut wie die Bedingungen die bei seiner Entwicklung an es gestellt wurden selbst wenn es die Entwickler gut hinbekommen haben. Wenn das Produkt außerhalb seiner Entwicklungsparameter eingesetzt wird (und das ist hier der Fall) wird es schwierig zu unterscheiden ob es ein Entwicklungsfehler oder falsche Designparameter sind.

In Deutschland mehren sich jetzt wie vorhersehbar die Stimmen, dass man Nord Stream 2 einfach in Betrieb nehmen und die Sanktionen gegen Putin zurücknehmen sollte, frei nach dem Motto "das Hemd ist mir näher als die Hose". Was diese Menschen alle nicht auf dem Schirm haben: Bekommt Putin die Ukraine unter Kontrolle, dann kann er das ukrainische Militär "umdrehen" - wir reden hier über um das zahlenmäßig größte Militär Europas hinter Rußland selbst. Und jetzt auch noch mit Einsatzerfahrung, was allen anderen europäischen Militärs fehlt. Putin hat mehr als genug Material in Reserve, was ihm fehlt ist das Kanonenfutter und genau das würde man ihm so auf dem Silbertablett präsentieren wenn man die Ukraine fallenlässt. Und wenn dann auch noch Xi Morgenluft wittert, Taiwan überfällt und damit die Amerikaner auf einen zweiten Schauplatz ablenkt - prost. Der Spruch wurde arg strapaziert, aber Europas Sicherheit wird derzeitig wirklich am Dnjepr verteidigt.

Selbst wenn das "Sondervermögen" auf dem Papier viel hermacht - es ist ein Tropfen auf dem heißen Stein. Die 185 Panzerhaubitzen haben damals 1,7 Milliarden D-Mark gekostet. Russland hat zwar vorwiegend Antiquitäten aus den 70ern, aber eben ein paar tausend davon. Um die eigene Sicherheit wirklich verteidigen zu können bräuchte es viel, viel mehr davon. Es wäre das erste was ich tun würde, aber es hat offensichtlich noch niemand gemacht: eine Bestellliste schreiben, was man alles braucht um gegen die derzeitig vorhersehbaren Bedrohungen gerüstet zu sein und was es kostet. Der Fall Kabuls hat ja schon mal gezeigt, dass die Luftlandefähigkeiten nicht existent sind um die Interessen Deutschlands zu schützen: eigentlich hätte man mindestens eine Brigade nach Kabul einfliegen müssen die den Flughafen solange decken kann bis die Evakuierung abgeschlossen ist.

Oder man hat eben eine nukleare Zweitschlagskapazität, das sichert die eigene Sicherheit ja sehr effektiv - sonst würde ja nicht so viele dieses Gespenst im Fall Putins an die Wand malen. Selbst wenn er seinen Krieg verliert - Putin braucht sich keine Sorgen zu machen dass auch nur ein Ukrainer die Grenze nach Rußland überschreitet.

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